Morgenstern ach scheine
Auf das Antlitz mein
Wirf ein warmes Licht
Auf mein Ungesicht
Sag mir ich bin nicht alleine
Hässlich, du bist hässlich
(Rammstein - Morgenstern)


Kaum ein Clan ist so rätselhaft wie der, der Verborgenen.

Aussenstehende sehen abgrundtief hässliche, verfluchte Gestalten, die kaum eine vernünftige Möglichkeit haben, noch mit der menschlichen Gesellschaft zu interagieren und fragen sich, wie schafft es solch ein Monster sein Schicksal zu ertragen und nicht völlig zur Bestie zu werden?

Das heisst, wenn sie sich überhaupt Gedanken darüber machen. Die meisten sind eher versucht den Clan als Missgeburten abzulehnen und beschäftigen sich nur mit ihnen, wenn sie es müssen.

Nun die Wahrheit ist, nicht alle Nosferatu schaffen es, sich mit dem Makel des Clans abzufinden. Die Nosferatu, denen man in der kainitischen Gesellschaft begegnet, haben tatsächlich etwas bemerkenswertes geschafft, was viele jedoch nicht anerkennen. Sie wurden zwar völlig ihres früheren Lebens und Selbstbildes beraubt, doch mussten sie sich eine neue Aufgabe suchen, losgelöst von ihrer Menschlichkeit, sich doch umso mehr an sie klammern, um sich nicht völlig an das Monster, zu dem sie äusserlich geworden sind, zu verlieren. Nicht allen ist dies gelungen und die grauenhaften, enststellten Wesen, die so enstanden, sieht man nie mehr an der Oberfläche.

Den restlichen Nosferatu sind vor allem zwei andere Eigenschaften gemein: Ihre starke Sorge füreinander, die in wenigen anderen Clans ihresgleichen findet, steht auf der einen Seite. Ihre unstillbare Neugier steht auf der anderen Seite.

Ihr Zusammenhalt ist weniger eine Gefühlsduselei als eine Notwendigkeit für sie. Wenn man von allen anderen gemieden, verspottet und mit Füßen getreten wird, gibt es keinen Grund dies auch noch mit seinen Brüdern zu tun. So sind sie untereinander, zumindest den Anschein nach, oft überraschend höflich, jedoch trotzdem kein bisschen weniger Verschlagen. Wer Schwäche und Versagen zeigt, wird verstoßen oder vernichtet, denn der Clan muss völlig auf seine Fähigkeiten vertrauen können. Die Nosferatu brauchen den straffen und starken Zusammenhalt des Clans um zu überleben. Nichtdestotrotz sind sie natürlich Raubtiere und suchen wann immer sie können den besten Platz für sich. Ihre Ahnen sind, mehr noch als in anderen Clans, furchterregende Gestalten, die man nie selbst zu Gesicht bekommt und bei denen man nie weiß, ob sie überhaupt existieren und wie weit ihre Macht reicht. Es ist also nichts als ein starkes Zweckbündnis, was die Nosferatu zusammenarbeiten lässt, denn die Furcht vor noch schlimmeren Dingen im Untergrund, der eitlen Gesellschaft oben, die nur auf sie herabschaut und der Kampf ums eigene Überleben verlangen es so.

Ihre Neugierde mag eine Eigenschaft ihres Blutes sein, doch gelingt es einem Nosferatu einfach besser als anderen, Daten und Fakten zu sammeln und miteinander zu kombinieren. Umgang mit der menschlichen Gesellschaft ist bestenfalls selten, da die Nosferatu dauernd allein durch ihre Anwesenheit einen Bruch der Maskerade gefährden, obwohl ihre Meisterschaft in der Disziplin der Verdunklung sie oft beschützt. In der kainitischen Gesellschaft sind sie die Aussenseiter, ganz so wie das Kind, das niemand wollte, welches aber trotzdem da ist. Es erinnert die anderen an das, was sie lieber vergessen wollten. So mag es daran liegen, dass die Nosferatu viele Vorgänge objektiver beurteilen können, als die anderen Clans, da sie alles von einer größerer Entfernung aus betrachten und ein Gespür entwickelt haben, die Wahrheit hinter dem Oberflächlichen zu sehen. Wenige wissen auch von dem Ausmaß des Informationsnetzwerkes, welches die Verborgenen hegen. Informationen sind die Währung, durch die man im Clan zu Macht und Ansehen gelangt.

Ihre Möglichkeit ungesehen zu kommen und zu gehen ist in der Tat dabei ihr größtes Kapital und so stellen sie die Augen und Ohren der Kainitischen Gesellschaft. Wer Informationen will kommt zu ihnen, denn einem Nosferatu macht es nichts aus im Dreck zu wühlen, um etwas kostbares zu finden. Und so sind schon viele selbsternannte Könige hinabgestiegen, um ganz unten den Dienst der Missgeburten in Anspruch zu nehmen. Etwas, was die Nosferatu trotz ihres Elends mit Stolz erfüllt.

Trotz all dem Leid, hat das Dasein als verstoßenes Monster also durchaus seine Vorzüge und die Nosferatu vereinen viele Eigenschaften zusammen, die anderen, obwohl sie auf sie herabschauen, fehlen.

Alle Schönheit vergeht irgendwann und das Hässliche ist das, was bleibt. Der Clan besteht weiter und hält zusammen. Wer braucht also Schönheit? Im Dunkeln sind wir schliesslich alle gleich hässlich...


Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer
Das Hässliche erfreut durch Dauer
(Auszug aus einem Gedicht von Robert Gernhardt)

Text: Ernesto

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