
Close-Up.
Direkt neben dem hohen Fenster, dessen beiseite gezogener, schwerer Vorhang neben der Dunkelheit noch einen Einblick auf die Umrisse von schwarzem Geäst gewährte, gab eine weibliche Stimme in dumpfer und leicht rauschiger Manier eine Trauerhymne zum Besten, zumindest solange, bis sie
anscheinend an einer Stelle stockte. Stattdessen erklang immer und immer wieder der selbe Ton in einem regelmäßigem Abstand, gleich einem einzelnen Regentropfens auf der Schräge des Daches, unterschwellig gepaart mit dem leichten Surren, das kennzeichnete, wie viel Leben noch in dem Gerät selbst steckte.
Die Arme des Baumes im Hintergrund, wankten und reckten sich weit vor, griffen mehrfach nach dem Glas, ohne es jemals zu erreichen; sie tanzten und wogen sich umher, wenn auch nicht nach den hörbaren Klängen, sondern nach dem Takt des Windes selbst. Unerreichbar.
Die Finger, die vom hellen, enganliegenden Weiß des Stoffes befreit worden sind, zeigten farblich kaum einen Unterschied zu der Verhüllung zuvor, bildeten dafür aber zu ihren Spitzen einen deutlichen Kontrast. Das dunkle Rot der Nägel, das seinen Schimmer nur im Kern des Lichtes preisgab, erzählte von einem tiefen Schwarz hinter jedem Schatten. Mit einem weichem Druck, der so beiläufig wirkte, als geschähe er aus reiner Routine heraus, wurde ein kleiner Hebel umgelegt und das große, blecherne Rohr verstummte vollständig.
Camera-Angle. Medium-Shot.
Das Licht fiel schwach, beleuchtete nur die Hälfte ihrer Erscheinung und ein Stück des Grammophons neben ihr. Das Bild wirkte dynamisch, die Bewegung fließend, wo der darauf folgende Stillstand gleich einem Standbild ähnelte. Hinter der Linse selbst war die Größe nur allzu schwierig einzuschätzen. Sie konnte kurz sein, aber auch hochgewachsen, es bedurfte einem direkten Vergleich neben ihr, um es einschätzen zu können. Das Alter konnte eine breite Spanne für sich beherbergen, etwas wohl zwischen 20 und 40, wie zeitlos und doch auch nicht. Die Kulisse stand ihr gut, das Ambiente nur spärlich, aber eine passende Requisite zu dem bodenlangen, cremefarbenen Kleid, mit gefächerten Trägern an den Schultern. Der Schnitt war gerade, der Schmuck um den Hals langfallend und silbrig schimmernd. In den Armbeugen schlangen sich die Pelzarme eines hellen Fuchses. Beinahe schwarz und weiß, verzerrt. Genau wie der Ton. Aber auf den vollen Lippen erschien die selbe Farbe, die schon ihre freigelegte Linke offenbart hatte, schweres Rot.
Dutch-Angle. Close-Up.
Der halbseitige Schatten zog sich weich über ihre Wange, das braune, zur Wasserwelle gelegtem Haar, den Nasenflügel und ließ gar etwas von dem Grün der Iris verblassen. Die Mimik selbst bewegte sich mehr wie im Zeitraffer, so langsam das kurzzeitige Senken und Heben der Lider, das schwache Anheben des linken Mundwinkels. Rechtsseitig zum Auge, direkt neben ihrem durch einen feinen Strich verlängerten Wimpernkranz, befand sich ein dunkles Muttermal, unterbrach so die Symmetrie des Gesichtes und machte es damit einzigartig. Ihr Blick ging nicht nach vorn. die schwarzen Pupillen schienen etwas zu verfolgen, so langsam wie es sich bewegte. Ein Schritt vor, noch einer, ohne dass sie sich selbst dafür von der Stelle bewegt hätte.
Wide-Angle. Close-Up.
Noch immer stand sie so da, aber eine weitere Person rückte in den Fokus. Nur halbseitig, als sähe man über deren Schulter hinweg. Die Silhouette war erkennbar, der Arm, der sich streckte. Die Lichtverhältnisse veränderten sich, obwohl die Linien noch immer verschwommen blieben. Schatten weichen aus ihrem Gesicht, wie vertrieben. Die unbekannte Hand hielt das Messing, auf dem schon etliche weiße Tropfen gehärtet verweilten in ihre Richtung, sodass die Flamme sich flüchtig unter dem Stoß verbog, sich neigte, eine tiefe Verbeugung kundtat, ohne zu erlischen. Dann verharrten beide nur still. Etliche Sekunden, bis ihr Lächeln vervollständig war und es nur den Hauch bedurfte, um es vollständig Nacht werden zu lassen.
Was noch für den Moment zu sehen blieb, war das schwache Glühen des Dochtes, bevor es endgültig finster wurde.
Fin.