Menschlichkeit
Im ersten Moment wird mit dem Begriff Menschlichkeit
all das in Verbindung gebracht, was generell mitfühlende Aspekte in sich
birgt.
Humanität, Mitgefühl und Nächstenliebe.
Dieses ist aber nur ein Teil des Konzepts, das seinen Anklang findet bei
Vampire. Denn eben der Aspekt des „menschlich seins“ gehört ebenfalls dazu.
Menschlich zu sein, das aber an sich hat nicht unbedingt was damit zu tun,
eben auch ein guter Mensch sein. Um einfach mal banale Sprüche aufzuzählen,
Irren ist menschlich und die Eifersucht auch.
Gerade wenn wir es mit Vampiren zu tun haben, müssen wir uns um diesen
Begriff der Menschlichkeit tiefergehend Gedanken machen. Ein Vampir kämpft
aus einem einzigen Grund um seine Menschlichkeit, weil er sie verlieren
kann. Er ist kein Mensch mehr.
In der menschlichen Natur liegen auch alle Abartigkeiten und Bösartigkeiten.
Von einfach nur dem wegschauen hin zu sadistischen Massenmördern, all dies
liegt im Bereich des Möglichen. Gleich, was ein Mensch tut, er bleibt ein
Mensch. Sicherlich, andere mögen in ihm nur noch das Monster sehen, aber das
ist bereits eine Beurteilung einer anderen Art. Er bleibt Mensch. Homo
sapiens. Punkt.
Ein Vampir hingegen hat eine andere Natur angenommen. Er ist zwiegespalten,
zwischen all dem, was seine Persönlichkeit ausmacht, seine Erfahrungen und
Erlebnise als Mensch, seine Gedanken, Gefühle, Ideale, Träume und Ängste.
Alles, was ihn ausmacht, all diese scheint im ersten Moment erhalten
geblieben. Nur ist er nicht mehr das gleiche Wesen. Das Blut hat ihn
verändert und zu einem Kainiten werden lassen.
Ein Teil von ihm, eben der instinktive, unterbewußte, triebhafte, dieser ist
jetzt kainitischer Natur. Ein Raubtier, das an sich nichts menschliches mehr
sein eigen nennt.
Auch ein Mensch hat diesen Teil, er ist maßgeblich an vielmehr Handlungen
und Reaktionen im Alltag beteiligt als die meisten Menschen sich gerne
eingestehen möchten. Wenn dieses Teil auf einmal ausgetauscht wird und
andere Triebfedern vorherschen, wieviel von dem, was er einmal war, bleibt
noch erhalten?
Wir sind nicht nur Verstand und Erinnerungen, das tierhafte ist auch im
Menschen eines der prägensten Elemente überhaupt. Eben in diesem liegen
unsere Gefühle und viele von unseren Sehnsüchten.
Auch unsere Bedürfnise sind andere. Hunger, Durst, Fortpflanzung, soziale
Zugehörigkeit. Vier an sich auf den ersten Blick so banale Dinge, aber in
diesen liegen die meisten unserer zwischenmenschlichen Verhaltensweisen
begraben. Hunger und Durst mögen in den westlichen Industrienationen nicht
mehr so stark die Rolle spielen im gesellschaftlichen Kontext wie in anderen
Ländern oder zu anderen Zeiten. Der Drang nach Sex und der Wunsch nach
Zugehörigkeit (der Mensch ist kein Einzelgänger, im Gegenteil, er wird
verrückt dabei) hingegen spielt bei jeder Begegnung mit eine Rolle.
Wenn man sich diese Dinge durch den Kopf gehen läßt, wie sehr wird es einen
dann verändern trotz aller Erfahrungen und Erinnerungen, wenn alle diese
Bedürfnisse sich gewandelt haben und mehr noch, diese neuen Instinkte sind
stärker als alles davor gekannte.
Hunger und Durst ist in einer neuen Form der Gier vereinigt, nur als Hunger
bezeichnet, der durch menschliches Blut gestillt werden kann. Gestillt
bedeutet aber nicht, dass man jemals satt ist. Er nagt immer in einem, an
einem. Vor allem und das ist wohl das Erschreckenste daran, ist es mehr als
nur ein Hunger nach ein wenig Proteinen in Wasser gelößt. Es ist dieser eine
einzigartige Bestandteil, der nur Menschen zu eigen ist, der einen Kainiten
wirklich zu sättigen vermag. Tierblut alleine läßt einen Kainiten
durchdrehen mit der Zeit. In einer rationalen Welt mag es albern erscheinen,
aber nicht in einer, in der Kainiten existieren. Es ist die Seele des
Menschen, von der er sich ebenso nährt und die in der Essenz selbst, in dem
Blut, zu finden ist.
Wie krank muß es sich anfühlen einmal Mensch gewesen zu sein und jetzt das
zu erleben?
Vor allem ist da noch mehr. Etwas in einem, das man eigentlich doch selbst
geworden ist, das Tier. Der bewußte Wille hält es unter Kontrolle, aber es
ist ein stetiger Kampf. Gewissermaßen könnte man es als den Kampf mit dem
eigenen Unterbewußtsein ansehen, nur das bei einem Menschen nicht die Gefahr
besteht, das dieses Ding in einem beginnt vollkommen die Kontrolle zu
übernehmen.
Das Tier ist noch mehr auf Überleben bedacht als es die zwar vorhandenen,
aber für den Erhaltungstrieb doch verkümmerten Instinkte der modernen
Menschen sind. Es kann alleine agieren, es drängt einen und bestimmt all
diese unterbewußten Strömungen, die Bedürfnisse und Sehnsüchte darstellen.
Der Teil in einem, der einmal Mensch gewesen ist, mag sich einsam fühlen,
doch das neue Tier, das man jetzt darstellt, ist ein Raubtier durch und
durch und dazu noch ein Einzelgänger. Alleine die Gegenward von anderen,
stärkeren Raubtieren läßt das Tier in einem sich anspannen, denn es erkennt
und spürt die Gefahr. Nur wenn der menschliche Part noch sehr stark in einem
ist, kann er dies Unwohlsein unterdrücken oder aktiv verdrängen. Wenn
Menschen eines sind, dann Meister der Einbildung und Selbstlüge. Am Anfang
mag sich dieses noch sehr stark auch in die neue Existenz rüberretten.
Nur überdauern sollte es nicht, es wäre der schnellste Weg nicht zu
überleben.
Der Drang danach Macht zu erhalten und nach dieser zu streben gehört auch zu
einem sehr instinktiven Wesenszug eines Kainiten. Es geht nicht um die Macht
an sich, sondern im Grunde nur darum zu überleben in einer Welt, die voll
von größeren Raubtieren ist.
Der Kampf, der in dem eigenen Inneren aus diesen zwei verschiedenen
Erfahrungswelten und im Grunde auch Wesenswelten, denn einst war man Mensch,
jetzt ist man eine andere Kreatur, ergibt, ist tatsächlich bitter und böse
und durch und durch tragisch. Denn es ist ein Kampf, den der Rest Mensch in
einem verlieren wird. Wenn nichts mehr von den einstigen Sehnsüchten bleibt,
wenn andere Werte an Gewicht gewinnen und Notwendigkeiten einer neuen
Existenz von Grausig zu Normalität sich verändern, dann kann der bewußte
Teil daran zerbrechen.
Es gibt einen Grund, warum soviele junge Kainiten zu finden sind und ab
einer gewissen Altersgrenze auf einmal Kainiten rarer gesät sind. Die
wenigsten überstehen die Grenze, wenn ein menschliches Leben „gelebt“ wurde.
Denn nach diesem muß man sich selbst neu definieren, seine Vorstellungen,
seine Ziele, alles einfach. Aber was bleibt einem dann noch? Die Kainiten,
die diese Zeit überdauern, haben gelernt sich in der neuen Welt zurecht zu
finden und auch ihre Beweggründe neu zu definieren. Dieser Prozeß kostet
einiges an Menschlichkeit (in diesem Sinne wirklich ein Teil des Mensch
seins).
Um zu Überleben müssen Regeln gefunden werden. Die wenigsten der jungen
Kainiten hat verstanden, daß eigentlich Camarilla oder Sabbat gewissermaßen
austauschbar sind. Es geht vor allem darum Systeme zu finden, in denen das
Miteinander von Raubtieren ermöglicht wird. Es ist tatsächlich eine einfache
Frage des Überlebens. Die Camarilla definiert sich in ihrer Form und
Funktion, in ihrem Rahmen und Grenzen vor allem durch ihre Gesellschaft.
Genau das ist der Grund, warum jeder ältere Kainit der Camarilla diese mit
allen Mitteln und aller Macht schützt. Die Traditionen gab es lange vor der
Gründung der Sekten, aber die Camarilla an sich ist eine Schutzfunktion. Vor
den Menschen und den einen umgebenden Kainiten gleichermaßen.
Sie ist nicht fair, nicht gerecht, die Existenz eines einzelnen Kainiten ist
nichts wert und das Leben eines Menschen noch weniger, freie
Meinungsäußerung eine Illusion und selbst Gedanken sind nicht mehr wirklich
frei. Die Camarilla ist kein nettes und im Grunde auch kein menschliches
System. Sie ist totalitär und muß es auch sein. Überleben heißt die oberste
Priorität.
Ein wunderbares Beispiel ist es, wenn ein Neugeborener in aller Öffentlich
einen Ahn des Traditionsbruches beschuldigt. Es ist in diesem Augenblick
unwichtig, ob er Recht hat oder nicht. Durch die Tatsache, daß er öffentlich
den Status ignoriert und es wagt, jemand so über ihm Stehendes vor allen zu
brüskieren, gefährdet er das System und wird zum störenden Faktor. Er wird
bestraft werden, nicht der Ahn. Für sein Mangel an Verständnis und auch
gewissermaßen für seinen Mangel an Erhaltungstrieb. Um in der Camarilla
vorzugehen, hätte er dies Wissen an die richtigen Personen weiterleiten
sollen, die damit etwas bewegen können und das hinter verschlossenen Türen.
Die Maskerade ist eine der wichtigsten Regeln zum Überleben, auch wenn diese
Tradition vor der Camarilla bereits existiert hat, ist die Sekte das
perfekte Mittel es nicht nur lokal sondern weltweit durchzusetzen. Einzelne
Menschen oder die Befindlichkeiten einzelner Kainiten sind unwichtig
dagegen. Wenn alleine die Gefahr besteht ein Mensch könnte etwas gesehen
haben, dann ist das Eliminieren jeglicher Bedrohung, in diesem Sinne des
Menschens, unabwendbar. Es ist schnell und direkt und bietet die
größtmögliche Sicherheit.
Junge Kainiten würden angesichts der wahrhaftigen Kälte der Camarilla das
Grausen bekommen und nach außen hin wird meist das „nette“ Gewand getragen,
mehr oder weniger. Aber mit dem Vergehen der Jahrzehnte oder auch
Jahrhunderte wird die Wichtigkeit dahinter erkannt werden und der
Selbsterhaltungstrieb wird fast automatisch sich dem anpassen.
Wie aber geht man innerlich mit diesem moralischen Dilemma um? Man schaut
zuerst weg, vedrängt und versucht zu vergessen. Es wird mit aller Macht an
der Illusion des Mitgefühls festgehalten. Wie menschlich sind wir alle denn
im Alltag? An wievielen Bettlern und halbtoten Junkies gehen wir tagtäglich
vorbei? Kümmern wir uns persönlich um das Schicksal jedes Einzelnen?
Schließlich haben wir sie doch gesehen und sind vorbeigegangen! Es geht
unter in einem grauen Schleier, wir verdrängen so gut, dass wir doch meist
im Alltag das Elend nicht einmal mehr wahrnehmen. So bitter es klingt, es
ist auch eine Form des Überlebens nicht für jeden Menschen, der Hilfe
brauchen könnte, diesem die auch zukommen zu lassen. Sagen wir aber einmal,
wie kommen nicht einmal zufällig an solchen Menschen vorbei, wir wissen aber
doch das sie in jeder Stadt auch in Deutschland existieren. Gehen wir hin
und bieten unsere Hilfe an? Immer und immer wieder und nicht nur ab und an
vielleicht einmal für unsere Gewisse oder mit ein wenig Almosen? Kaum einer
tut das wirklich. Das ist ebenfalls menschlich und auch die wenigsten sind
Engel von uns.
Warum also sollte sich das ändern, nur weil man zu einem Kainiten geworden
ist? Vielmehr werden die Notwendigkeiten andere und auch die eigenen
Vedrängungsmechanismen. Moral und Schuldgefühl sind tatsächlich sehr
subjektiv und um nicht zugrunde zu gehen, werden die meisten Kainiten mit
der Zeit die Notwendigkeit schnellen und oftmals tödlichen Handelns erkennen
und akzeptieren. Die ersten Male mag es hart sein, aber wieviele Soldaten,
wieviele Polizisten und andere Personen in solchen Situationen nehmen sich
die eigene nagende Schuld, indem sie akzeptieren, daß es Notwendigkeit,
Schutz und Notwehr war zu einem größeren Ganzen und zum Wohl aller ihrer
eigenen Gesellschaft? Es ist normal, um nicht zu zerbrechen. Der Verlust des
Menschlichen in einem Kainiten geht meist schleichend vorhanden und eben
dies Akzeptieren und Vedrängen gehört dazu. Die eigenen Moralvorstellungen
verschieben sich mehr und mehr. Nur sehr selten hat man diese
einschneidenden Erlebnisse, wenn man erkennt, was man wirklich getan hat und
zu was man geworden ist. Die Fähigkeit, das er erkennen und daran zu
erschrecken, ist ebenfalls noch ein Teil des menschlich seins in einem.
Marcels Darstellung, die für uns als Spielleitung die Grundlage der
Einschätzung der Menschlichkeit ist, ist beiweitem alles andere als harmlos
und stellt, wenn man meine Ausführungen sich in Ruhe zu Gemüte führt, nicht
einmal im Mindesten eine Minderung der Tragik da. Im Gegenteil, ich finde es
ehrlich gesagt noch erschreckender. Denn es berührt den Kern all dessen, was
uns nicht nur in bewußten Gedanken ausmacht, sondern auch alles darunter
liegende. Der Mensch, der gestorben ist, der verloren ist.
Alles Menschliche in einem Kainiten ist die Erinnerung.
Und der Drang zu Überleben.
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