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Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)


Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Quasim ibn Sabah al-Ghazi » 18 Jun 2014, 12:56

Warum tue ich das überhaupt?

Eine berechtigte Frage, dachte er sich, während er die Treppen hinauf stieg, um ein weiteres Mal seinen Platz vor der Ballustrade in der oberen Wandelhalle zu finden. Es gibt hier nichts zu gewinnen und viel zu verlieren, aber andererseits: Hat derjenige den Kampf nicht bereits verloren, der gar nicht erst antritt? Die Schlange windet sich in seiner Vorstellung und offenbart die Giftzähne. Tödliche Instrumente. Zweifellos. Und doch ... was ist der Grund, das Hinz und Kunz sich hier einfinden, leere Floskeln miteinander wechseln, sich gegenseitig ein Ei an die Backe laberten, von guten Zeiten, einer vielversprechenden Zukunft und zukünftiger Zusammenarbeit faselten, wenn sich nichts änderte? Wenn alle Beteiligten später ohne neue Erkenntnisse wieder verschwanden, jedenfalls ohne solche, die nennenswert wären.

Er vermied es, die Hände auf das kühle Holz zu legen, stattdessen galt ein Blick reinster Verachtung dem Werkstoff der Wahl. Holz. Seine braunen Hände rückten in sein Blickfeld und einen Moment lang starrte er die feingliedrigen Finger an. Dann schüttelte er den Kopf und griff nach dem Spazierstock. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, dass er den glatten Schaft nun mit beiden Händen fest umklammerte, ehe er sich zur Seite wandt und den Gang hinter der Ballustrade langsam und gemächlich hinab zu wandern begann.

Warum tue ich das überhaupt?
Quasim ibn Sabah al-Ghazi
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Leopold von Schlüsselburg » 04 Jul 2014, 13:29

Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst geopfert?

"Niemand", murmelte Leopold und schlug mit einem leisen Seufzer das Büchlein zu. Es verstand in seiner Westentasche, gut behütet über einem schlaglosen Herzen.
Er erkaufte sich Zeit, nichts weiter, Zeit bevor er in die Höhle des Löwen gehen würde.
Der Malkavianer durchschritt die Pforte ins Elysium, den gemächlichen Gang der Selbstsicherheit vortäuschend. Auch er mit Stock, mit Zylinder wie selten in den letzten Tagen und wie üblich...hoffnungslos antiquiert gekleidet.
Ein Interrimsrock, tadellos gestriegelt und glatt gezogen. Glücklicherweise hatte er auf Schulterklappen, Orden, Abzeichen und dergleichen Tand verzichtet, abgesehen von dem kleinen Tatzenkreuz an seiner linken Brust. Etwas militaristisch in dem preußischblau vielleicht, aber das Monokel fehlte zum klassischen Schurken.
Er zog es lächelnd aus der Tasche, klemmte es sich ins rechte Auge und übte seinen düster-nachdenklichen Blick ein, von dem man ihm neulich erst gesagt hatte, er stehe ihm ausgezeichnet.

So rollte er auch mit der Geschicklichkeit und Subtilität einer Dragonerschar im Hauptsaal ein, die Maske tapfer vors Gesicht haltend.
Der Mensch hat eine wahre Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen und dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu vergöttern.
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Quasim ibn Sabah al-Ghazi » 05 Jul 2014, 09:24

Die Schritte des Setiten mochten leise sein, waren aber gewiss zu hören. Spätestens, als der augenscheinlich alte Malkavianer durch die letzte Türe trat und die obere Wandelhalle betrat, stoppten die Bewegungen. Der Araber näherte sich wieder der Balustrade und sah hinab zu jenem altmodischen, hoffnungslos antiquiert wirkenden Mann. Jemand, der in der Zeit gefangen war, so wirkte er. Oder wie jemand, der gerne so tat, als wäre er in der Zeit gefangen, vielleicht um sich älter zu machen als er eigentlich war. Als wäre Alter etwas, auf das es ankam ... oh, ich lebe diesen endlosen Fluch schon seit hunderten von Jahren und meinem Charakter hat es überhaupt nicht geschadet, du wertloser kleiner Wurm! Na, herzlichen Glückwunsch.

Ein schmales Lächeln schickte er hinab und würde der ältere Herr den Blick heben, würde er den Setit ihm von oben zunickten sehen und einladend, aber wortlos, den Arm streckend, um auf den Platz neben sich zu zeigen, ehe er wieder in die Grundstellung zurückfiel.
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Leopold von Schlüsselburg » 05 Jul 2014, 09:49

Der Malkavianer blickte wohl nach oben, ein ebenso dünnlippiges Lächeln wie der Andere im Gesicht.
Er beschloss, sich gar nicht erst auf dieses Niveau herabzulassen und stattdessen zu Qasim heraufzkommen. Die Stufen nahm er langsam, bedächtig, aber ohne das zu erwartende rote Gesicht und Schnaufen kam er oben an. Ein Vorteil des Todes, den er durchaus zu schätzen gelernt hatte.
Leopold schwitzte auch nicht mehr, bestand aber trotzdem darauf sich mit einem Tuch die Wangen und die Stirn abzuwischen - aus Gewohnheit oder Berechnung, wer wusste das schon noch.

"Guten Abend, werter Herr", brummte er mit seiner Baritonstimme. Erst daraufhin setzte er sich, den Stuhl mit einer Hand nach hinten rückend um dem Wohlstandsbäuchlein Platz zu schaffen.
"Ich hoffe ich störe nicht?", echote Leopold Worte zurück, die er erst vor einigen Wochen vernommen hatte.
Eine Floskel, die niemandem weh tat. Alt und hübsch.
Der Mensch hat eine wahre Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen und dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu vergöttern.
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Quasim ibn Sabah al-Ghazi » 08 Jul 2014, 12:07

Die Schlange lächelte dem Kind der Isis dünn entgegen, als dieses die selbe Begrüßung verwandte, die er selbst ihm erst entgegengebracht hatte, wenn auch in leicht anderer Betonung. Der Malkavianer schien nicht wirklich zu fragen, immerhin wartete er keine Antwort ab, sondern setzte sich gleich hin.
„Oh, keineswegs. Bitte setzen Sie sich doch“, erwiderte Quasim nach einer wohlberechneten Pause, die er verstreichen ließ, nachdem der Malkavianer bereits saß. Er selbst bevorzugte anscheinend, stehen zu bleiben, jedenfalls bewegte er sich einige Augenblicke lang nicht vom Fleck. Dann erst glitt er elegant wie eine wahrhaftige Schlange in den benachbarten Stuhl und vermittelte dabei mit seiner aufrechten, beinahe stockgraden Haltung den Eindruck gedankenloser Höflichkeit, die nicht selten das Ergebnis der körperlichen Züchtigung war. Zumindest früher.
„Ich hoffe, Sie hatten seit unserem letzten Treffen eine angenehme Zeit, zumindest den Umständen entsprechend. Haben Sie sich mit der jungen Frau noch lange unterhalten?“, erkundigte er sich höflich.
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Leopold von Schlüsselburg » 08 Jul 2014, 15:32

Während der Pause überlief es Leopold, nach ihr erstarrte er. Die Kiefer pressten sich ihm aufeinander, sichtbar traten einige Muskeln durch die aufgequollene Haut hervor.
Er saß in einer Haltung, die der des Setiten nicht unähnlich war. Entweder hatte der Rohrstock an beiden seinen Tanz aufgeführt, oder Leopold ging sehr in seiner Rolle als Militarist auf.
¨Bitte verzeihen Sie¨, sagte er zerknirscht und tätschelte sich das linke Knie, das durch seinen Gehstock entlastet wurde. ¨Die Knochen eines alten Mannes...¨
Nicht, dass das eine Auswirkung hätte haben sollen. Unheiliges Leben war schon eine bequemliche Angelegenheit.
¨Einigermaßen¨, sagte er nach einer kurzen Pause, während der er ins Leere gestarrt hatte. Vor seinem inneren Auge war der Abend wohl noch einmal kurz Revue passiert.
¨Es war mehr Sie, die geredet hat. Es tut mir Leid, dass sie gegangen sind¨, behauptete er dann, ¨vielleicht hätte Ihnen der Abend noch gefallen. Ich habe mich dem Argument geopfert und mich von dem Mädchen in ein Etablissement, einen...Club? Führen lassen, der voll von allerlei bunten und vielgestaltigen Dingen war. Viel Leder, viel Lärm.¨
Ein Lächeln kehrte zurück auf die alten Züge, sinister und wölfisch.
¨Ganz abgesehen davon meine ich, ihr ihre eigene Nichtigkeit bewiesen zu haben - jedenfalls in den Grundzügen - und hätte es Ihnen gerne gezeigt.¨
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Quasim ibn Sabah al-Ghazi » 09 Jul 2014, 08:43

Der Setit hob die Schultern und schenkte dem Malkavianer ein entschuldigendes Lächeln. „Ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz und darüber hinaus hatte ich an dem Abend ohnehin noch etwas zu tun, also ...“ Er winkte ab und überging den Kommentar mit den alten Knochen. Offensichtlich hatten alte Knochen für einen Kainiten keinerlei Unbequemlichkeit mehr an sich, wie sie wohl beide wussten. „Nun, mein Angebot an Sie, den Versuch zu wagen, mich von meiner Nichtigkeit zu überzeugen, steht nach wie vor. Auch wenn Sie sich nicht allzuviele Hoffnungen machen sollten, meinen festen Glauben mit ein paar guten Worten zu überwinden. Oder mit anderen Mitteln.“ Er lächelte dem Malkavianer schmal zu und ließ den Blick dann über das Geländer gleiten. „Ich nehme an, Sie lieben das Theater?“, erkundigte er sich dann unvermittelt.
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Leopold von Schlüsselburg » 17 Jul 2014, 11:35

"Der Glaube ist etwas, das überwunden werden will", sagte der Mann im Offiziersrock und sein Lächeln wurde leiser. "Bitte, nehmen Sie das nicht persönlich. Wie sind alle nichtig, kleine Räder in einem Getriebe, das größer als die Summe seiner Teile ist."
Auf die nächste Frage des Setiten runzelte er die Stirn, dachte einige Zeit nach und sah schließich fragend zu ihm herüber.
"Nicht direkt Liebe, nein. Mehr eine gesunde Anziehung die da zwischen mir und dem Mummenschanz herrscht." Leopold hob die linke Augenbraue, skeptisch, und fragte: "Sie etwa nicht?"
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Quasim ibn Sabah al-Ghazi » 17 Jul 2014, 11:52

Der Setit schien es nicht persönlich zu nehmen. Er spitzte den Mund und stieß ein kurzes Lachen aus. „Eine interessante Ansicht“, behauptete er und beobachtete den Malkavianer von der Seite her. „Mein Clan wird von dem Glauben zusammen gehalten, dass die eigene Seele in einem Gefängnis steckt und von verschiedenen Wärtern davon abgehalten wird, reine Göttlichkeit zu erlangen. Das Gefängnis ist unsere sterbliche Hülle und die Wärter sind in der Überzahl. Sie heißen Gewohnheit. Autorität. Gesetz. Verantwortung. Oder auch Macht. Erst wenn man sich von allem befreit, das dem eigenen Wesen im Weg steht, kann man frei sein“ Seine Worte klangen freundlich, doch seine Stimme verbarg nur sehr nachlässig einen schneidenden Unterton. „Wie ist das mit Ihnen, Herr von Schlüsselburg? Sie proklamieren die Nichtigkeit des Seins, die Sinnlosigkeit allen Bestrebens, aus der letztlich auch die Sinnlosigkeit von allem resultiert, dem Nihilismus, wie Herr Jacob Obereit ihn im 18. Jahrhundert eingeführt hat, zugeneigt zu sein, und dennoch zeigen Sie Ihre Verbundenheit mit der Vergangenheit nur allzu deutlich in Ihrem Benehmen und Ihrer Erscheinung. Wie kann das sein?“, erkundigte der Setit sich neugierig. Und mit der Aufmerksamkeit einer zum Biss bereiten Schlange.
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Re: Jenseits von Gut und Böse (Elysium, Offen)

Postby Leopold von Schlüsselburg » 17 Jul 2014, 12:26

Der Malkavianer, der alte Oberst in seiner Paradeuniform kicherte und hielt sich verschämt eine Hand vor die Lippen. Als wäre es etwas unerhörtes, was er hier tat.
"Mit Verlaub, aber Sie irren in diesem Punkt: Aus der Nichtigkeit resultiert keinesfalls der Nihilismus. Nicht zwangsweise jedenfalls. Und mir ist - um der Wahrheit die Ehre zu geben - Nihilismus zuwider. Das ist was für Russen, früher zumindest."
Leopold schüttelte den Kopf, die Miene wieder ernst und verschlossen. Seine Stimme verbarg nichts, entblößte nur die Übung, die er hatte, die Routine in einer erneuten Zergliederung seiner Position.
"Nein, aus der Nichtigkeit aller Handlung resultiert allenfalls die Beliebigkeit. Ich", sagte er und seine Stimme schluckte das "im Gegensatz zum Gläubigen", während er einen funkelnden Blick zu dem Setiten warf, "bin bereits frei. Es ist im großen und ganzen gleich, was ich anstelle - da kann ich mir auch die Rosinen herauspicken. Das völlige Gegenteil des Nihilismus, vielleicht ein wenig Synkretismus oder Solipzismus, zugegeben..."
Der Malkavianer zuckte mit den Schultern.
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