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세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]


세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 18 Sep 2013, 12:03

세상 어디에도 없는 착한남자.


* September '13 - Die Person im Spiegel
* Oktober '13 - Eine Geschichte vom Leben & Tod

Kapitel 1 – Eine Geschichte vom Leben
Kapitel 2 – Eine Geschichte vom Tod
Kapitel 3 - Eine Geschichte vom Leben & Tod

* November '13 - Der erste Kuss
* Dezember '13 - Melodie

* Januar '14 - Bauernopfer
* Februar '14 - [/] Hundesöhne

* März '14 - Menschlichkeit
* April & Mai '14 - [/] Ein Exempel statuieren & Splitternackt
* Juni '14 - Stolperstein
* Juli '14 - Nie wieder
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왕관을 쓰려는자, 그무게를 견뎌라. The one trying to wear the crown, must bear it's weight.

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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 27 Dec 2013, 15:33

Die Person im Spiegel


Er konnte sie sehen. Alle diese Details, die vor so langer Zeit dazu geführt hatten, dass der Lauf des Schicksals Hand an sie legte. Das Filigrane, das in den Augen Vieler geschützt werden musste und dabei am Ende zerstört worden war. Das Zurückgezogene, das ihrer Meinung nach ein Ausdruck des Schüchternen war und nicht als Trennlinie erkannt worden war. Das Dunkle in den Fenstern der Seele, das weder Trauer noch Furcht war, sondern Realismus. Das Wissen um die wahre Ordnung der Dinge, vor der die meisten Augen sich voll Furcht schlossen. Und – Die feinen Gesichtszüge, die von der Natur gezogenen worden waren, in dem Versuch das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Der Versuch zu kaschieren, was im Grunde nicht kaschiert werden konnte. Die blassen Lippen, die nur selten Worte verloren und dennoch den Geschmack vom Gift kannten. Lügen. Bittere Süße, ein Geben und Nehmen für jeden Einzelnen. Niemand würde in Vergessenheit geraten, denn das Schicksal kannte keine Gnade. Nachsicht war für die Blinden bestimmt, welche die Realität nicht sehen wollten. All die armen Bastarde, die es am Ende umso härter treffen würde.

Risse, die das perfekte Bild der Welt zerstörten. Seine Augen fanden sie mühelos, doch das Lächeln wollte einfach nicht verschwinden. Im Gegenteil, jeder einzelne Riss amüsierte ihn. Die Welt war voller Bastarde, doch auch unter ihresgleichen gab es eben jene, denen die Natur in die Hand spielte. Jene, die aus der Vergangenheit gelernt und die dreckige Realität akzeptiert hatten. Schicksal war in ihren Augen nichts weiter, als … ein stilistisches Mittel und damit ein Instrument.

Langsam näherten sich die Fingerspitzen der augenscheinlich perfekten Oberfläche, um dann über diese zu gleiten und das nachzuzeichnen, was die Natur vorgegeben hatte. Das Filigrane, das in den Augen Vieler geschützt werden musste und diese am Ende zerstören würde. Das Zurückgezogene, das ihrer Meinung nach ein Ausdruck des Schüchternen war und doch nicht weiter, als eine Trennlinie vor dem Abgrund war, der sich vor ihren Füßen auftat. Das Dunkle in den Fenstern der Seele, das weder Trauer noch Furcht war, sondern Realismus. Sadismus. Und – Die feinen Gesichtszüge, die das Gleichgewicht aufrechterhalten sollten, aber ohnehin an der Mauer der Selbstbeherrschung scheiterten. Die blassen Lippen, die nur selten Worte verloren und dennoch den Geschmack vom Gift kannten. Lügen, die für einen Bastard zum Schicksal gehörten.

Es war so einfach, die Person im Spiegel zu akzeptieren … Diese Art von Bastard zu lieben.
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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 27 Dec 2013, 15:36

Eine Geschichte vom Leben & Tod

Kapitel 1 – Eine Geschichte vom Leben

Er konnte den Blick nicht abwenden. Wieder und wieder, fanden seine Augen das eigene Spiegelbild im Fenster. Ein Detail schien nicht zu stimmen. Routiniert glitt er mit den Fingerspitzen durch das zerwühlte Haar, um die eine oder andere Strähne neuanzuordnen. Nein, das war es nicht. Ein wenig träge wandten seine Augen sich der gelockerten Krawatte zu, die laut den Regularien der Schule exakt gebunden hätte sein müssen. Sie war lose, aber die Form des Knotens noch intakt, sodass sie in den meisten Augen vermutlich als lässiges Stilelement durchgehen würde. Als sein Blick das weiße Hemd fand, schien die Suche beendet. Ohne Zögern öffneten seine Finger den vierten Knopf, um diesen geschickt durch das dafür vorgesehene Loch zu führen. Zufriedenheit ließ sein Lächeln an Tiefe gewinnen, während er seine Aufmerksamkeit endlich wieder von der gläsernen Oberfläche löste. Es war Zeit sich dem Mann zu widmen, der davor Platz genommen hatte.

Der Alte redete schon eine Weile auf ihn ein. Ununterbrochen. Die Worte die fielen, erreichten sein Gehör dennoch nur in Fetzen. Einzelne Bruchstücke, die Zeugnis darüber ablegten, das die Gerüchte der Wahrheit entsprachen. Unanständig und verdorben, eine Schande und eine unvermeidliche Strafe. Nun, allem Anschein nach hatte man die Schuld auf seinen Schultern abgeladen. Nicht auf denen dieses Mädchens, dessen Name er vergessen hatte. Hae-jin, oder war es Hae-won? Er konnte sich nicht erinnern. Im Grunde war der Name ohnehin nicht von Bedeutung. Die, die mit der ganzen Geschichte angefangen hatte. Die, deren Finger die Knöpfe geöffnet, die Krawatte gelockert und das Haar zerwühlt hatten. Die, die am Ende in Tränen ausgebrochen war. Die, die man nicht vor allen Augen und unter beständigem Schreien in das Lehrerzimmer geschleppt hatte. Es war unerträglich laut gewesen. Die Predigt des Lehrers vermischte sich mit den Jubelrufen der Jungen, während die Mädchen schrill versuchten um Gnade zu bitten. Ein Mistverständnis? War es nicht. Eine Heldentat? War es ebenfalls nicht. Ein Skandal? War es. Der Lehrer hatte Recht. Und das Mädchen, war im Angesicht ihrer Reue begnadet worden? Due, die es ganz sicher eines Tages noch bereuen würde, was sie getan hatte. Lee Hae-jin.

Er war auf dem Weg zum Unterricht gewesen, hatte nicht einen Gedanken daran verschwendet einen Umweg zu gehen oder im Krankenzimmer zu landen. Solange, bis dieses Mädchen aus dem Nichts aufgetaucht war. Sie hatte auf dem Bett gesessen und ins Leere geblickt. Er wusste nicht, ob dieser Platz schon immer ihr gehört hatte oder ob er sie zuvor schlicht übersehen hatte. Noch weniger wusste er, warum er an diesem Tag dort stehengeblieben war. Schüchtern hatte sie den Blick abgewandt. Hin zum Fenster, durch welches die ersten Sonnenstrahlen des Tages in den sterilen Raum fielen. Irgendjemand sprach zu ihm, doch seine Aufmerksamkeit gehörte ihr allein. Aus den Augenwinkeln warf er ihr einen Seitenblick zu, solange bis er es nicht mehr ertrug und in das Zimmer trat. Irgendetwas stimmte nicht, ganz und gar nicht. Doch – Es war leicht die Antwort zu finden, wenn man danach suchte.

Was dann geschah, war eine andere Geschichte. Leise fiel die Tür in seinem Rücken ins Schloss, während seine Schritte ihn durch den Raum führten. Sie sagte kein Wort, als wäre sie in eine andere Welt eingetaucht. Flüchtig wanderte sein Blick über den Brief, der auf dem Tisch der Krankenschwester lag und das Drama in wenigen Worten zusammenfasste. Sie würde die Schule verlassen. Krankheitsbedingt, wie es hieß. Lee Hae-jin würde ihren Schulabschluss nicht mehr erleben, wenn man dem Befund Glauben schenkte. Fragend hob sich eine Augenbraue, als seine Augen ihre Gestalt fanden. Zierlich, zerbrechlich und … kränklich. Trotz blitze in ihren Augen auf, als diese den Blick unvermittelt erwiderten. Wie ein Raubtier schlenderte er zum Bett, auf welchem sie noch immer saß. Den Kopf schräg legend und das Mädchen eingehend musternd, während sich ein Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete. Schließlich ging es nicht um sein Schicksal, sondern das einer Anderen.


Tae Park, nicht? Wie seltsam, das ich ausgerechnet dich an diesem Tag hier treffe.

Mehr hatte sie nicht gesagt, aber das war auch nicht von Nöten gewesen. Er hatte die Antwort gefunden. Der Alte wurde lauter und sein Lächeln erlosch. Was hatte sie dazu bewegt übereinander herzufallen? Warum eine solche Tat? Es lag auf der Hand … Sie hatten sich ihretwegen lebendig gefühlt. Für einen vergänglichen, so flüchtigen Moment, hatten sie sich einfach lebendig gefühlt.
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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 27 Dec 2013, 15:37

Kapitel 2 – Eine Geschichte vom Tod

Hoffnung war etwas Seltsames. Es war, als würde sein Verstand längst begriffen haben, während sein Herz weiterhin nach einem Beweis verlangte. Seine Lunge brannte, wie Feuer. Jeder Faser seines Körpers schmerzte, als würde er zerrissen. Das Haar klebte ihm an der Stirn, während der Schweiß ihn die Augen schließen ließ. Hell und Dunkel, immer wieder. Er geriet ins Straucheln, doch fing sich im letzten Moment. Hart trafen seine Schuhe auf den Asphalt, bis das Geräusch in seinem Gehör zu einem unerträglichen Hämmern wurde. So laut, dass es die Worte ersticken würde. Verschwommen erkannte er die Umrisse von Gesichtern, die ihm eigentlich vertraut hätten sein sollen. Hände, die sich wie Klauen in sein Fleisch schlagen und ihn festhalten wollten. Sie rissen an seiner Kleidung, an seinen Handgelenken, aber konnten ihn nicht aufhalten.

Der arme Junge!“… „Lasst ihn nicht in das Haus!“ … „Haltet ihn fest!

Er stieß sie von sich. All sein Gewicht musste ausreichen, um den Weg in das Haus zu bahnen. Endlich. Stille. Sein Atem ging stoßweise, seine Finger wurden zittrig und doch ging er die Treppe hinauf. Nur ein paar Stufen, gegen die sein Verstand und seine Beine sich wehren wollten. Instinkt? Eine Vorahnung dessen, was ihn im Flur erwarten würde. Das Wasser lief die erste Stufe bereits hinab. Ein kleines Rinnsal nur, aber doch fanden seine Augen es umgehend. Der so vertraute Duft von Blumen, der überall in der Luft hing. Er schien unwirklich, anders und fremd. Nicht länger lieblich und voller Sehnsucht, wie die ersten Frühlingstage des Jahres, sondern metallisch und voller Kälte. Leblos, das Wort schob sich unaufhaltsam in seine Gedanken. Wie in Trance setzte er einen Fuß vor den anderen, tauchte vorsichtig in die blassrote Flüssigkeit ein. Ihre Oberfläche glänzte im Flur.

Ein Seitenblick zur Badezimmertür, durch deren Spalt schwaches Licht fiel, dann wieder auf das Wasser am Boden. Die Farbe wechselte und wurde intensiver. Der blasse Rotton wurde zu sattem Karmesinrot. Ein Anblick, der sich nicht auslöschen ließ. Der Moment, in welchem die Hoffnung sich ins Nichts auflöste und der Verstand das Herz einnahm. Der freie Fall. Schwärze und ein Meer aus Schmerz.

Leere. Alles verschlingende, zeitlose und unaufhaltsame Leere.

Jae In hatte diese Welt verlassen. Sie hatte ihn verlassen, ohne ein Wort und mit einem seichten Lächeln auf den Lippen. Er wusste, wie Leid es ihr getan hatte. Vergebung jedoch, darauf würde sie vergeblich hoffen. Alles, was er tun konnte, war sie gehen lassen und loslassen. Loslassen, wie sie es einst in der Vergangenheit getan hatte. Die Geschichte ihres Lebens wurde dem Tod übergeben, ohne ein Wort und mit einem seichten Lächeln auf den Lippen.
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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 27 Dec 2013, 15:45

Kapitel 3 – Eine Geschichte vom Leben & Tod


Noch zwei, höchstens vielleicht drei Monate. Mit Glück,“ sagte der Arzt.

Das Schicksal hatte seinen Lauf genommen. Lee Hae Jin hatte diese Worte gehört und sie waren zur Gewissheit geworden, noch bevor ihre Freunde ihren Schulabschluss erhielten. Kim Jae In hatte diese Worte gehört und sie zur Gewissheit werden lassen, in dem sie den Zeitpunkt ihres Todes selbst gewählt hatte. Er wusste nicht, was er bei diesem Gedanken fühlen sollte. Nicht, was er bei diesen an ihn selbst adressierten Worten fühlen sollte. Furcht? Bedauern? Schuld? Oder, doch schlicht Irritation und Abscheu?

Fest stand nur Eines: Diese Worte würden zur Gewissheit werden.

Sein Gesichtsausdruck wollte sich nicht ändern, so sehr er sich auch darum bemühte eine bedrückte Miene zu machen. Noch nie in seinem Leben hatte er diesen Ausdruck gebraucht. So sehr gebraucht, wie in diesem Augenblick. Er konnte es sehen, wie die fremden Augen in ansahen und mehr und mehr Irritation ob seiner Gleichgültigkeit sich darin fand. Es war regelrecht widerlich. Nun, zumindest konnte er eine Augenbraue anheben und mit den Schultern zucken. Das war nicht perfekt, aber wohl ein Anfang. Fragend betrachtete er den Fremden, bis dieser die Situation realisierte und sich abwandte. Geschickt knöpften seine filigranen Finger, die noch nie hart hatten arbeiten müssen, die Knöpfe seines Hemdes zu. Es war, wie auch der Rest des dazugehörigen Anzugs, Maßarbeit. Der edle Stoff war ihm auf den wohlgezeichneten Körper geschnitten worden. Dem Lauf der geraden, langen Beine angepasst. Dem, der weiten, sehnigen Arme und des schlanken Oberkörpers. Kein Mensch würde es infrage stellen, dass seine Statur keinerlei Veränderung bedurfte. Er war … perfekt?

Seine Mundwinkel fielen, denn zugegebenermaßen war seine Stimmung nahezu mörderisch. Wie auch konnte etwas oberflächlich der Perfektion nahe sein, während sich in seinem Inneren Risse auftaten und der Tod wütete? Eine vermaledeite Ausgeburt der sterblichen Welt, diese Makel. Sacht strichen seine Fingerspitzen über die Seide, fühlten die glatte Brustmuskulatur und den gleichmäßigen Herzschlag darunter. Solange, bis sie den Übergang zur Weste bemerkten und auch deren Knöpfe zu schließen begannen. Einen nach dem Anderen, ehe die in anderen Augen sündhaft teure Taschenuhr ihren Weg in die Tasche fand und ein letzter prüfender Blick den Sitz der Krawatte bestätigte. Nun, der rote Faden des Schicksals schien seine Linie wieder und wieder zu denen führen zu wollen, die ein ähnliches Schicksal teilten. Es war nicht zu verleugnen, sofern man bereit war sich diesen Schicksalslauf einzugestehen. Das war der Anfang. Der Anfang von einem Spiel, dessen Ende zwar endgültig wäre und dennoch einen ganz eigenen Reiz sein Eigen nannte. Das Spiel des Lebens, das Spiel mit dem Leben.

Verbinden Sie mich mit meinem Vater. Sofort.

Die Fassung, sie war mit der Realisation der derzeitigen Lage zurückgekehrt. Sein Blick heftete sich auf das Telefon. Der Blick aus den schmalen Augen, die an jene erinnerten, die am anderen Ende der Leitung warten würden. Zufrieden fuhren seine Finger durch das Haar, bevor er sich umwandte und den Hörer des Telefons entgegennahm. Natürlich hatte der Fremde seiner Anweisung Folge geleistet, denn auf diese Worte hatte man an diesem Ort gewartet. Viel zu lange hatte man darauf gewartet, dass der Erbe der Familie Park sich entschied seine Freiheit einzufordern und klare Luft einzuatmen. Zu leben. Seinen Platz in den Reihen der Familie einzufordern, sofern das Schicksal ihrer Welt nicht ohnehin bereits seinen Lauf genommen hatte. Stumm deutete sein Haupt auf eine Schachtel Filterzigaretten, sowie das neben ihr befindliche Feuerzeug, während das Freizeichen in seinem Gehör schrillte. Zum ersten Mal an diesem Tag, aber nicht zum letzten Mal. Sein Anwalt würde warten müssen …
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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 27 Dec 2013, 16:03

Der erste Kuss


Er hatte es damals nicht gewusst. Keine Ahnung davon gehabt, was diese eine in seinen Augen zunächst unbedeutende Geste auslösen würde. All die lauten Worte, die Tränen und die Leere in seinem Herzen. Diese Unfähigkeit das Gefühl zu erwidern, weil sein Herz dies nie gelernt hatte. Die Unfähigkeit so zu tun, als ob er das Gefühl erwidern würde, weil sein Verstand dies nie gelernt hatte. Er war bei Weitem unschuldiger gewesen, als sein Umfeld es angenommen hatte. Nun waren all diese Augen auf ihn gerichtet und alles, woran er denken konnte, war diese falsche Annahme zu bestätigen? Es war irritierend.

Wenige Stunden zuvor …

Sie sahen ihn an. Diese großen Augen, die an die eines Rehs erinnerten. Schöne Augen, wenn auch ein wenig zu schmal in ihrer Form, um seinem Geschmack zu entsprechen, aber doch würde man diesen Augen wohl kaum etwas Negatives nachsagen können. Tag für Tag war sein Blick ihnen begegnet, wieder und wieder. Fragend, wenn er sich der Lösung der Aufgabe aus den Hausaufgaben nicht sicher war. Herablassend, wenn ihm unnötigerweise Hilfe angeboten worden war. Narzisstisch, wenn ihm ein Kompliment gemacht worden war. Viele Male hatten seine Augen in diese Augen geblickt, ohne sich darin zu verlieren. Er konnte das Mädchen einfach nicht sehen. Es war, als wäre sie kein Teil seiner Welt gewesen, sondern lediglich eines der darin befindlichen Instrumente. Etwas Lebloses, dessen man sich bediente und das für einen bestimmten Zweck existierte, ohne einen eigenen Willen zu besitzen. Etwas, das sich kalt anfühlte und auf die Berührung seiner Finger wartete.

Langsam hatte ihr Körper sich genähert. Erst nur ein kleines Stück, als sie sich zu ihm beugte, um einen Blick auf das Blatt auf dem Schreibtisch zu werfen. Ihr Haar hatte gut gerochen, doch das Kompliment über seine saubere Handschrift hatte seine Gedanken davon abgelenkt. Dann roch ihr Haar eben gut, warum sollte es dies auch nicht? Sein Haar roch schließlich ebenfalls gut, wenn nicht deutlich besser. Wie von selbst hob sich seine Augenbraue, während sie sich neben ihm niederließ und ihren Stuhl dabei näher rückte. Zentimeter für Zentimeter, drängte sie sich in seine Welt. Eine Welt, die einem Mädchen ihrer Herkunft verwehrt bleiben sollte. Er hatte dennoch geschwiegen, als wäre ihm diese Tatsache nicht bewusst. Sein Vater hätte ihn umgebracht, warum also nicht ein wenig mitspielen?


Tae?

Er hatte die Frage gehört, aber was sollte man auf derartige Fragen antworten? Wie ein Hund, den Kopf heben war keine Option, sondern wäre ein Kapitalverbrechen gewesen. Ein Vergehen, für welches sein Vater den Blick abwenden würde, doch über das kein Wort über seine Lippen kommen würde. Es gehörte sich nicht, derlei Dinge auszusprechen und ihnen damit unnötig Beachtung zu schenken. Man schwieg sie einfach tot, tat als wären sie niemals geschehen. Schuldgefühle würden aufkommen und der Fehler kein zweites Mal erfolgen. Einen Augenblick verzögert, entwich seinen Lippen somit nicht mehr als ein tonloses Seufzen. Ein Zeichen, das es ihr erlaubte ihre Stimme zu erheben und sich an ihn zu wenden. Womit auch immer. Die Hoffnung es mit einer bedeutsamen Thematik zu tun zu haben, wollte bei ihrem Anblick ohnehin in seinen Gedanken nicht aufkommen. Woran dachten Universitätsstudenten? Woran dachten junge Frauen? Es war nicht, als hatte ihn dies zuvor interessiert oder als hätte er jemanden danach fragen können.

Morgen Nachmittag wird ein anderer Tutor hier sitzen. Dein Vater – All die Regeln, die täglich um weitere ergänzt werden. Keine freizügige Kleidung, kein offenes Haar und keine Gespräche, die nicht mit dem Lernstoff zu tun haben. Ich bin unsichtbar, wenn ich dieses Haus betrete und es verlasse. Meine Lippen sind versiegelt. All die Dinge, die ich auf diesem Anwesen sehe, höre, schmecke oder fühle. Nichts dringt hinter diese Mauern, nach Außen. Was im Inneren dieses Hauses geschieht, bleibt im Inneren dieses Hauses. Wie hält ein Ki- … Schüler das aus?

Jedes Wort war wahr. Er wusste es, aber was hatte dieses Mädchen erwartet? Aufgrund ihrer guten Noten überall auf der Welt mit offenen Armen empfangen zu werden? Lächerlich. Als wäre es derart einfach gewesen, ihre Welt zu betreten und ihre Gesetzmäßigkeiten zu verstehen. Diese Welt, um deren Existenz nur jene wussten, die sich dieses Wissens verdient gemacht hatten. Geld und Macht. Ausdruckslos blickte er ihr entgegen. Er wusste schlichtweg nicht, welcher Gesichtsausdruck angemessen gewesen wäre. Ein herablassender, weil dieses Mädchen trotz all der guten Noten derart einfältig war? Ein mitleidiger, weil sie diese Welt nicht mal im Ansatz verstand? Ein mitfühlender, damit sie glaubte er würde sie verstehen können und ähnlich denken? Er wusste es nicht. Willkommen, in der Welt der … Gier? Sie kam näher. Immer näher, bis er ihren Atem hatte auf seiner Haut spüren können. Es fühlte sich beinahe an, als blickte der Jagdhund seines Großvaters ihm in die Augen. Der warme Atem, diese braunen Augen. Näher und näher.

Das Bedürfnis sich ebenfalls zu nähern? Nicht vorhanden.
Der Impuls zurückzuweichen? Unterdrückt.
Die Augen schließen? Nicht notwendig.
Die Berührung? Da.

Ihre Lippen waren warm. Nicht kalt, wie er es angenommen hatte. Ein seltsames Gefühl. Unausweichlich hob sich die Augenbraue, um seine Stirn in Falten zu legen. Sein Vater hätte nun mahnend zu ihm geblickt, weil er viel zu häufig für einen Schüler diese Falten auf der Stirn zeigte. Kein glücklicher Schüler hatte diese Falten. Sie hielt still. Warten? Worauf? Er wusste es nicht. Woher auch? Selbstverständlich wusste er, was sie gerade taten und was seine Familie davon halten würde. Theoretisch, sowie in gewisser Weise auch praktisch. Nur dieses Mal, dieses Mal war das Ganze nicht viel bedeutsamer, als der längst verlorene erste Kuss. Nicht in seiner Welt. Eine Minute, vielleicht zwei Minuten. Ende.

Ein Kuss, der nichts als Ärger einbringen würde. Ein Kuss, der nicht der Erste und doch der Erste war. Der erste Kuss, bei dem der Verstand zwischen materiellen und immateriellen Hintergedanken unterschied. Ein wertloser, erster Kuss ohne Zukunft.
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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 28 Dec 2013, 12:24

Melodie

Hallo?
Ich bin es.“ Wer sonst?
Eine Pause. „Was willst du noch?
Ein Essen. Ein letztes, gemeinsames Essen.“ Du und ich, noch ein Mal.
Eine weitere, längere Pause. „Nein.
Warum nicht?“ Als wäre die Antwort unklar.
Weil wir uns getrennt haben.

Die Melodie war überall. Obwohl das Autoradio lief, in dem Restaurant eigentlich Jazz gespielt wurde und die Leute an den anderen Tischen angeregte Unterhaltungen führten. Es war immer die gleiche Situation und diese eine Melodie in seinem Kopf. Diese Melodie, die davon berichtete eine Beziehung zu beenden. Ein letztes Mal gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, den Versuch unternehmend ein paar Bissen herunterzubringen und die belastete Atmosphäre zu ignorieren. Die Bitterkeit, die sich auf der Zunge und im Herzen fand. Die Erinnerungen an gute und schlechte Tage, bis schließlich allein Letztere zu überwiegen schienen. Fehler, die man am Anderen gefunden und nicht mehr länger hatte ignorieren können. Sie gaben den Rhythmus vor und der wurde schneller. So schnell, bis er einem rasenden Puls glich, der sich kurz darauf gänzlich verlor. Ruhe, es war vorbei. Sein Blick senkte sich, fand das bis zur Hälfte gefüllte Weinglas. Nicht ein Tropfen hatte den Weg, seine Kehle hinab, gefunden. Obwohl es sich um einen ausgezeichneten Wein handelte, der mehr als kostspielig gewesen war und ihr Glas bereits geleert worden war. In aller Eile hatte sie sich den erlesenen Tropfen die Kehle hinabgejagt, als versuchte sie damit die geteilten Erinnerungen wegzuspülen und Zeit gutzumachen. Wie gedankenlos.

Alles, was seine Gedanken hingegen beschäftigte, war diese Melodie. Ihre Worte perlten an seinem Gehör ab, wenngleich sie einst der Mittelpunkt seiner Gedanken gewesen waren. Einst war es Liebe gewesen, nun überwog Gleichgültigkeit. Die gelbliche Flüssigkeit auf dem Tisch schien ekelerregend. Den Blick konnte er dennoch nicht von dem Glas abwenden, während er begann es in seinen Fingern zu wiegen. Hin und Her. Auf und Ab. Chaotisch, so wie ihre Beziehung verlaufen war. Minuten verstrichen und das Essen wurde kalt, was ihnen am Anfang nie passiert wäre. Am Anfang hätten sie gegessen, dabei eine Unterhaltung geführt und unbeschwert gelacht. Sie hätten sich in die Augen geschaut, den Blick schüchtern abgewandt oder wären noch länger am Tisch sitzen geblieben, um Zeit zu gewinnen. Den Abschied hinauszögern, so wie die anderen Paare in dem Restaurant es taten. Und, jetzt? Jetzt schien die Zeit nicht vergehen zu wollen, das Essen wurde kalt und ein bedrückendes Schweigen herrschte. Er hatte genug. Genug, von Allem.


Du wusstest, dass eine Heirat oder ein Kind von Vorneherein ausgeschlossen waren.

Es machte keinen Sinn dem bitteren Ende auszuweichen. Tonlos wurde das Weinglas wieder auf dem Tisch abgesetzt, ehe die Finger zum Silberbesteck griffen und dieses anhoben. Jeder Bissen schien unmöglich, getränkt vom Gift der Atmosphäre und doch erfolgte der erste Schnitt. Blut lief aus den Poren des Steaks, verteilte sich auf dem Weiß des Porzellans. Das systematische Ausbluten begann.

Tae. Diese Frau – Wirst du der Heirat zustimmen?

Ihre Stimme klang schwach, als wäre sie krank oder als hätte sie in den letzten Nächten kein Auge zu tun können. Hatte sie schon immer derart schwach geklungen? Er hatte ihre Stimme kräftiger, lebhafter in Erinnerung gehabt. Sie hatte ihn einst an eine andere Zeit erinnert, an eine fröhlichere Zeit, die schon weit in der Vergangenheit zurücklag. Warme und lebhafte Tage. Er legte das Messer aus der Hand, ließ die Gabel folgen und stellte den Blickkontakt her.


Das hängt von der Höhe der Mitgift ab.

Ehrliche Worte, während in seinem Kopf Zahlen auftauchten. Es waren nur wenige Prozente die fehlten, um in den Kreis derer zu gelangen, denen man keinen Wunsch abschlagen konnte. Nur ein paar Prozente, die ihn davon abhielten den Einfluss seiner Familie abermals zu erweitern. Auch wenn es nicht von Nöten war, so fühlte es sich dennoch richtig an. Er tat das, was seine Familie von ihrem Erben erwartete. Das, was er selbst in Zukunft als das Richtige betrachten würde. Etwas, das er für sich selbst tat und das Anderen ebenso gefiel. Ja, aber vorher galt es Altlasten loszuwerden. Wann hatte ihre Liebe ihre Bedeutung, ihre Wärme und ihren Wert, verloren? Sie war kalt, wie das Essen auf dem Tisch. Kalt und irgendwie halbherzig, wie diese Melodie.

Wo warst du in der Nacht? Der, vor unserem Tag? Bei dieser Frau?

Er wollte sich schuldig fühlen. All den gemeinsamen Erinnerungen zu Liebe, den guten Tagen und gemeinsam verbrachten Momenten. Es gelang dennoch nicht, so sehr auch nach dem Funken Schuld suchte, den ihre kraftlosen Worte hatten heraufbeschwören wollen. Ein Nicken war alles, was blieb und die Fragen mit Schmerz strafte. Er war bei ihr gewesen, der Anderen. Ihre Augen wurden feucht, nur mühsam gelang es ihr Tränen zurückzuhalten. Diese schönen Augen, die in seiner Gegenwart einst gestrahlt hatten und in denen er sich so oft verloren hatte. Er hatte diese Augen geliebt. Obwohl sein Körper hätte aufschreien sollen, jede Faser zu ihr streben wollen, rührte er sich nicht. Der Tisch schien unüberwindbar. Seit wann, hatte eine solche Distanz sie getrennt? Seine Muskeln fühlten sich taub an, wie auch sein Herz, welches bei ihrem Anblick nicht erweichen wollte. Die Melodie mutete plötzlich monoton an, einem Klagelied gleich. Am Anfang musste sie einmal leicht und mitreißend gewesen sein, doch konnte er sich nicht daran erinnern. Alles, was blieb, war dieses letzte Aufbäumen vor dem Ende. Dieses letzte Essen, diese eine Melodie, die sie beide schon zuvor gehört haben mussten.

Er blickte auf und in die Augen von einem Anderem. Ihm.

Wieder war diese Melodie in seinem Kopf, beherrschte seine Gedanken und sein Herz, das nicht mehr schlagen wollte. Weitere Trennung belastete die Atmosphäre, doch dieses Mal schienen die Rollen vertauscht. Kein Herz schmerzte, aber es fiel der einen Seite schwerer Abschied zu nehmen, als der anderen. Falk ließ los und seine Hand wollte sich um das Messer krallen, daran Halt suchen. Kalter Stahl, der sich durch das tote Herz des Gegenübers schieben wollte. Es ausbluten lassen wollte, um damit die eigene Freiheit zu erkaufen … Aus Liebe und einem Hauch Eigennutz. Seine Lippen zeigten ein Lächeln, welches im Stillen von der anderen Seite des Tisches erwidert wurde. Man wusste eben, was dieser letzte gemeinsame Moment und diese Szenerie bedeuteten. Sie waren Ausdruck der einzigen Arten der Liebe, die den beiden Raubtieren vertraut war – Hassliebe, Eigenliebe …
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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 06 Sep 2014, 11:01

Hundesöhne

Er war ein Dobermann. Kurzes Fell, das wie Samt über den sehnigen Körper und all die wohlgeformten Muskeln floss. Jedes Haar war weich und glänzend. Von einer Schwärze, wie man sie selten fand. Schwarz, wie die Nacht. Allein an den trockenen Läufen, deren Sehnen deutlich im Lauf hervortraten, und über den rehbraunen Augen, fanden sich die typischen Braunfärbungen. Die Ohren und die Schwanzwirbel kupiert, was seine ohnehin schon fragwürdige Natur nur unterstrich. Dann und wann wandte er den Kopf, als verstand er die Gedanken seiner Betrachter. Ihr Erstaunen und ihre instinktive Furcht, die immer dann stieg, wenn er seine strahlenden Zähne in rohes Fleisch jagte. Er fraß nur Fleisch, wie eine Bestie. Und doch – Wenn ein Fremder sich dem perfekten Garten des traditionellen Hauses der Familie näherte, war er nicht zu bestechen oder abzulenken. Nahezu unermüdlich rannte er Tag und Nacht die Steinmauer ab, als sei er unfähig sich dem Befehl seines einzigen Herren zu entziehen. Für immer an seine knappen Worte gebunden, wie an eine unsichtbare, schwere Stahlkette, die Glied für Glied über die Jahre mit äußerster Sorgfalt geschmiedet worden war.

Keine Frage – Sein Vater hatte den Hund geliebt, seinen zähen Charakter nahezu abgöttisch geliebt. Er konnte das verstehen, wenn man den Wert des Tieres bedachte. Ein Hund aus deutscher Zucht, prämiert und in vieler Augen der Stolz seiner Rasse. Dennoch stand diese Kreatur, der vom Personal mit demselben Argwohn und derselben Angst begegnet wurde, die dem Oberhaupt der Familie zukam, jeden Tag neben der Treppe. Jeden Tag, exakt zur gleichen Zeit. Warum? Weil der Klang des Blechnapfs, das lieblos auf den jahrhundertealten und von Hand gesetzten Steinboden geworfen wurde, das Tier anlockte. Der Geruch des Fleisches in der blutigen Pfütze, die sich auf dem schimmernden, abgewetzten Boden sammelte. Das musste es sein, was den Wächter des Anwesens für einen vergänglichen Augenblick seine Pflichten vergessen ließ …

Der Moment, an dem das Tier ein Teil der ehrenwerten Familie war. Der Gedanke hatte seinen Lippen ein Lächeln entlockt, während seine Hand sich anschickte einen weiteren Löffel Reis zu ihnen zu führen. Er war hungrig gewesen. Wie alle Jungen in seinem Alter, hatte der Hunger seinen Körper die letzten Meter der schier endlosen Auffahrt zum Familienanwesen im Lauf nehmen lassen. Die Energie der Jugend, ihre Sorglosigkeit und Triebhaftigkeit, hatte ihn in Versuchung geführt. Wie der Liebling seines Vaters, saß er nun auf der Treppe und genoss seine bleiche Haut die Frühlingssonne. Ihre Wärme fühlte sich gut an, ließ seinen Verstand für einen kurzen Augenblick das Gewicht auf den Schultern vergessen. Die Pflichten des Erben der Familie Park …

So sehr ich deine Mutter auch begehrt und geliebt habe, so sehr habe ich ihre Herkunft verabscheut.

Er hatte seinen Vater nicht kommen hören. Die Schritte waren in dem blechernen Geräusch der Futterschüssel des Hundes untergegangen, das nun plötzlich verstummt war, während sein Löffel ihm aus den Fingern glitt und die Treppe herunter fiel. Er fiel und fiel, bis das Ende erreicht war und Stille sich ausbreitete. Wachsam blickten die rehbraunen Augen des Dobermanns ihrem Herren entgehen, während sein Sohn das Atmen vergaß. Ekel stieg in seiner Kehle auf, über die eigene Anspannung in der Nähe seines Vaters. Eines alten Mannes, dessen Attraktivität aus einer Mischung der Gradlinigkeit seines Charakters und wohldefinierten Gesichtszügen geboren wurde. Strenge, die von einem einzigen, kaum spürbaren Lächeln kaschiert wurde.

Ohne Eile senkte die Hand seines Vaters sich, um sich ihrem Sohn zu nähern und über sein glänzendes Haar zu streichen. Ganz so, als streiche sie dem Hund über das bis in die Spitzen gepflegte Fell. Die Bestie rührte sich nicht, sondern starrte weiterhin auf ihren Herren. Die Augen beobachteten, wie seine Hand über das Haar des Jungen strichen und seine Haut, bis sie die Reisschüssel gefunden hatte. Es dauerte nur eine Sekunde. Und, das koreanische Porzellan zersprang, als es mit aller Kraft vom Hausherren auf die Steine geschmettert wurde. Das Set war eine Seltenheit, alte Kunst von Meisterhand geschaffen und nie wieder zu ersetzen. Nun war eine der zehn Schalen zerstört. Ihre Scherben streuten sich über den Boden, vermischten sich mit Reis und Dreck, sprangen gegen das Blechnapf und die Läufe des Hundes, der nicht einmal zuckte. Wie in Zeitlupe zog die Hand sich derweil wieder zurück, wobei ein Nicken das Aufstehen forderte. Sein Körper gehorchte, wie der Hund des tun würde.

Eine Unendlichkeit lang, blickte sein Vater ihm in die Augen. Die schmal geschnittenen Augen, deren ausdrucksvolle Formgebung sie teilten. Solange, bis der Impuls den Blick abzuwenden erstickt worden war und seine Atmung wieder einsetzte. Solange, bis sie wieder gleich und Vater und Sohn waren. Erst dann fielen weitere, monotone Worte.

Wenn mein Sohn noch ein Mal, wie ein Hund, auf der der Treppe isst, dann stirbt er gleich dort auf dieser, gemeinsam mit dem Hund, durch meine eigene Hand.

Nimm den Hund, aber nicht als Geschenk, sondern als Erinnerung an dieses Versprechen.


Ein letztes Mal fiel die Hand, um auf die schmalen Schultern zu klopfen, ehe der alte Erbe der Familie Park sich abwandte und die Rolle wieder dem Jungen übergab. Wieder verzogen sich seine Lippen, um zu Lächeln. Mechanisch. Nicht unattraktiv war es, so ein geerbtes Lächeln des Hundesohns …
왕관을 쓰려는자, 그무게를 견뎌라. The one trying to wear the crown, must bear it's weight.

"The scariest thing in the world? Money.
Even so - If there's no greed, then there's no fear."
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Tae
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Re: 세상 어디에도 없는 착한남자. [Tae Monatsthemen]

Postby Tae » 04 Nov 2014, 18:33

Menschlichkeit

I got your picture
I'm coming with you
Dear Maria, count me in
There's a story at the bottom of this bottle
And I'm the pen


Die Flüssigkeit in der Flasche schwappte hin und her. Ein alkoholisches Meer aus Gold, von dem er seinen Blick nicht nehmen konnte. Wieder und wieder wirbelte ihr Körper herum, während sie die Flasche in der Hand hielt und damit Muster in die Luft zeichnete. So verdammt schön, dass es weh tat ihr zuzusehen und wegzusehen. Sie tanzte schon eine gefühlte Ewigkeit, den Blick verloren und das Meer tosend. Ihre Bewegungen waren so unberechenbar, wie ihr Charakter, was dem Alkohol zuzuschreiben war. Schluck für Schluck, nahm das Schicksal seinen Lauf. Es kümmerte ihn nicht. Sie stolperte, musste ohnehin über das eigene Schicksal lachen und stand doch wieder auf. Seinen Lippen entwich ein Seufzen. Sie wusste, wie man jede Sekunde des Lebens genoss. Wären sie sich zu einem anderen Zeitpunkt begegnet, dann hätte diese Nacht vielleicht der Anfang von irgendetwas sein können. Irgendetwas, dessen Ende zwar ungewiss gewesen wäre, aber irgendetwas war immerhin besser als Nichts. Das Hoffen hätte ihre Leidenschaft am Leben gehalten, für den Moment zumindest.

When the lights go up
I want to watch the way you take the stage by storm
The way you wrap those boys around your finger
Go on and play the leader
'Cause you know it's what you're good at;
The low road for the fast track
Make every second last

Eine weitere Drehung, ein weiteres Mal griff sie nach den Sternen und die Blicke der Anderen fielen zu der entblößten Haut. Ihre Bauchmuskeln spielten, während sie plötzlich erstarrte und ihr Blick den seinen traf. Sehen und Verstehen. Gott, es gab eine Zeit, da hätte er für so einen Augenblick getötet. Seine Mundwinkel zuckten, als sie es sich auf seinem Schoß bequem machte. Sie hatte ihre Wahl getroffen und bereute Nichts, denn das wäre gegen all ihre Regeln gewesen. Seine Regeln waren den ihren nicht unähnlich gewesen, damals …

'Cause I got your picture
I'm coming with you
Dear Maria, count me in
There's a story at the bottom of this bottle
And I'm the pen
Make it count when I'm the one who's selling you out
'Cause it feels like stealing hearts
Calling your name from the crowd


Sie zögerte, bevor sie einen weiteren Schluck nahm und den Whiskey ihren Hals hinabzwang. Es machte keinen Sinn ihm etwas von dem teuflischen Zeug anzubieten, das wusste sie und so blieb dieser unnötige Moment aus. Er würde sich nehmen, was er wollte. Wortlos starrte sie ihm in die Augen, verlor sich darin für einige Atemzüge und ließ ihre Zunge über ihre vollen Lippen gleiten, ehe diese sich zu einem breiten Grinsen verzogen. Die Idee war geboren. Sein Haupt fiel, bis seine Stirn an der ihren lag und sie sich zum ersten Mal tatsächlich berührten. Ihre Haut war warm, seine kalt. Angenehm kalt, wenn man ihrem verklärtem Blick Glauben schenken wollte. Er wusste es besser. Ihre Augen wurden weit, die Lippen zitterten und doch konnte sie sich nicht von ihm lösen. Es war zu spät. Es gab kein Zurück mehr. Die Flasche fiel zu Boden und ihre Lippen drängten sich auf die seinen, forderten so viel mehr, als er je zu geben bereit gewesen wäre.

Live and let live
You'll be the showgirl of the home-team
I'll be the narrator
Telling another tale of the American dream
I see your name in lights
We can make you a star
Girl, we'll take the world by storm
It isn't that hard...

Sie brauchte Luft. Verzweifelt versuchte sie sich zu lösen, den Kuss zu unterbrechen und all das, was sich an diesem Abend ereignet hatte ungeschehen zu machen. Zu spät. Sie konnte spüren, wie seine Lippen sich zu einem Grinsen verzogen und sie um Atem ringen ließen. Ihre Augenlider flatterten, wie die Flügel eines verdammten Schmetterlings. So unsagbar schön. Seine Arme umfassten ihren Körper. Stärker, als sie es vielleicht bei seiner sehnigen Statur vermutet haben musste. Mühelos hob er sie hoch, während ihre Beine sich instinktiv um seine Hüften schlangen. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er ihr vielleicht ein Stöhnen geschenkt, doch das Timing war in dieser Nacht für den Arsch. ‚Die ganze Welt war für den Arsch ‘. Die Worte standen unausgesprochen zwischen ihnen, während er die Flasche mit dem Fuß beiseite beförderte und sie in den dunklen Flur trug. Ein Schauer lief ihren Rücken hinab, ließ ihre Muskeln erzittern und sein Grinsen an Kraft gewinnen.

'Cause I got your picture
I'm coming with you
Dear Maria, count me in
There's a story at the bottom of this bottle
And I'm the pen
Make it count when I'm the one who's selling you out
'Cause it feels like stealing hearts
Calling your name from the crowd


Es gab nur noch sie. Taumelnd bewegten sie sich durch den Flur, ihre Fußspitzen dann und wann auf dem Boden nach Halt suchend. Die Küsse spiegelten Verzweiflung und Verständnis wieder. Der Druck nahm zu, die Atempausen wurden weniger. Ihre Augen schlossen sich, während ihre Hände über seinen Oberkörper wanderten. Die Wand im Rücken, dann wieder an der Seite und in seinem Rücken. Oben und Unten, Rechts und Links. Orientierungslos. Sie würde blaue Flecken haben, aber das interessierte weder ihn noch sie. Scheiß drauf. Wären sie sich zu einem anderen Zeitpunkt begegnet, dann wäre diese Nacht vielleicht anders verlaufen. Wieder und wieder, tauchte der Gedanke auf und verlangte danach beiseitegeschoben zu werden. Er hatte genug. Von Allem, von ihr, vom Leben …

Take a breath
Don't it sound so easy?
Never had a doubt
Now I'm going crazy
Watching from the floor


Ihre Hände legten sich auf seinen Brustkorb und schoben mit aller Kraft, ließen ihre Finger sich vor Anstrengung in sein T-Shirt graben. Vergeblich … Unweigerlich verwandelte der Traum sich in einen Albtraum, aus dem sie nicht einfach so erwachen konnte, wann sie gerade wollte. Sie hatte die Kontrolle verloren. Er nicht.

Take a breath
And let the rest come easy
Never settle down
'Cause the cash flow leaves me
Always wanting more


Er dominierte den Moment. Sie spielte sein Spiel, schnappte keuchend nach Luft und brachte es dennoch nicht fertig ihn freizugeben. Sie war verloren. Ertrunken. Er kannte dieses Gefühl und hatte sich die Erinnerung daran bewahrt, über so viele Jahre. So viele Jahre, die sie trennten …

'Cause I got your picture
I'm coming with you
Dear Maria, count me in
There's a story at the bottom of this bottle
And I'm the pen
Make it count when I'm the one who's selling you out
'Cause it feels like stealing hearts
Calling your name from the crowd


Er hatte wirklich genug. Ihre Lippen streiften die seinen, versöhnlich und dennoch vergeblich. Das, was sie sich erhoffte, würde nicht geschehen. Niemals. Wenngleich der Kuss erschreckend sanft begonnen hatte, stellten sich die Härchen auf ihren Armen auf. Er konnte es fühlen. Zu sanft, um real zu sein. Sie fing an zu begreifen. Ein letztes Mal liebkosten seine Lippen die ihren, ehe der metallische Geschmack sie aus all ihren Träumen riss. Der Biss brachte Schmerz – und unendlich süße Erlösung. Ihr Schrei mit seinen Lippen erstickt. Die Realität war so wenig schön, wie er menschlich war.

'Cause I got your picture
I'm coming with you
Dear Maria, count me in
There's a story at the bottom of this bottle...

All Time Low - "Dear Maria, Count Me In"
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